Erinnerung an #September11

In meiner Erinnerung ist 9/11 immer noch sehr präsent. Ich kann mich bis heute exakt erinnern, wo ich war, wie ich versucht habe, Informationen zu bekommen, wie wir die News-Webseiten immer und immer wieder neu geladen haben, wie wir Angst hatten, wie ich bis nachts um drei Uhr vor dem Fernseher saß.

Rückblickend waren die Anschläge der Moment, an dem sich die westlichen, offeneren Gesellschaften in das verwandelt haben, was sie bis heute sind: Sehr auf innere Sicherheit bedacht, Freiheiten gegen das Gefühl von Sicherheit eintauschend, ausgrenzend und an vielen Stellen zersplittert und radikalisiert gegenüber Andersdenkenden.

World Trade Center, 2019

Die neunziger Jahre waren tatsächlich eine vergleichsweise unbeschwerte Epoche, jedenfalls gesellschaftlich und in Bezug auf die generelle Wahrnehmung. Es gab eine Menge Probleme zu lösen, es gab das Gefühl, dass der Westen den Osten übernommen hat, die Stasi-Debatte war überall, Seilschaften, grassierende Arbeitslosigkeit, eine zunehmende Spaltung in der Gesellschaft anhand von Herkunft und Verdienst, weltweit gab es viele Konflikte und Krisen – aber dennoch war da in den westlichen Gesellschaften das Gefühl von Befreiung, von Unbeschwertheit, von Sicherheit, von Kontrolle, von „wir sind der Westen, uns geht es gut“.

Dieses Gefühl wurde am 11. September pulverisiert, jedenfalls in meiner persönlichen Wahrnehmung.

Denkmal an der Stelle des Südtowers, 2019

Schon in den Tagen zuvor lag etwas in der Luft. Ich erinnere mich, dass ich mich mit einem Kollegen am zehnten September (das muss ein Montag gewesen sein) darüber unterhalten habe, wie es wohl Terroristen anstellen könnten, wenn sie die USA mit einem Angriff am stärksten treffen wollten – und wir kamen zu dem Schluss, dass sie wohl Flugzeuge abstürzen lassen würden. Entweder abschießen, oder per Bombenattentat. In jedem Fall müssten es mehrere Flugzeuge sein, das müsste koordiniert erfolgen, damit es die gewünschte Aufmerksamkeit erzielen könne.

Für uns war das eine Denksportübung, wir waren recht weit weg, das war alles eher hypothetisch.

Am 11. September war ich ganz normal im Büro, und gönnte mir gegen 15 Uhr eine kurze Pause. So, wie ich es bis heute mache, surfte ich die News-Webseiten ab: SPIEGEL ONLINE, N24, n-tv. Und dann sah ich die erste Meldung, wonach wohl ein kleines Flugzeug in das World Trade Center geflogen wäre. War eher so nebenbei interessant – tragisch zwar, vielleicht auch skurril und spannend, aber emotional eben nur eine Randnotiz.

One World Trade Center, 2019

Einige Minuten war das komplett gekippt: Das zweite Flugzeug war im Südturm eingeschlagen. Ab dem Moment war klar, dass das kein Zufall und kein tragisches, aber skurriles Ereignis mehr war. Das war ein Anschlag. Wir klinkten uns auf den Nachrichten-Webseiten in die Live-Streams ein (ich glaube, es war primär N24, die hatten sehr schnell die Bilder von den US-Networks übernommen).

Ab circa 15.15 Uhr arbeitete niemand mehr. Es war eine beklemmende Stimmung im Office. Die Kollegen standen zusammen und schauten die Bilder gemeinsam, ich saß an meinem Rechner und hatte parallel mein Notebook offen, um alles im Blick zu behalten.

Als die Tower einstürzten, herrschten Angst und Verzweiflung. Unser Büro war vielleicht 500m vom Berliner Fernsehturm entfernt, wir hatten wirklich Angst, dass auch dort ein Anschlag verübt werden könnte.

Die nächsten Stunden waren geprägt von hektischem Suchen nach Informationen, die es natürlich noch nicht gab. Als ich aus dem Büro kam, hatte ich das erste Mal Angst vor dem Fernsehturm und vor hohen Gebäuden (Höhenangst hatte ich schon zuvor, aber jetzt war die Angst, dass die Gebäude Angriffsziele sein könnten).

Die Heimfahrt mit U-Bahn und Straßenbahn war sehr ruhig und leise, das weiß ich noch. Zu Hause hab ich den Fernseher angemacht, und bis circa drei Uhr nachts davor gesessen – und parallel mit dem Notebook die Ereignisse verfolgt. Es war surreal, zwischenzeitlich ging man von zehntausend Toten aus.

Die Geschehnisse der nächsten Tage waren dann von den Aufräumarbeiten und der Suche nach Antworten geprägt. Und ganz schnell, ich glaube, ich habe das bereits am 11. September gehört, ging es um Vergeltungsschläge, Angriffe, Afghanistan.

World Trade Center, 2019

Tja, und dann kamen Anthrax, und die Anschläge von Madrid. Gefühlt waren wir seit dem 11. September im Ausnahmezustand. Wir sind es noch heute.

Persönliche Freiheiten wurden eingeschränkt – erst Abriegelungen rund um Botschaften und im Regierungsviertel, die verschärften Kontrollen beim Fliegen, der Generalverdacht, dass jeder fremde Mensch ein Terrorist sein könnte, das Unbehagen in größeren Menschenmengen, die Gegenwart von schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten.

Ich sehe es an mir selbst: Fremdes, speziell wenn es sich um Dinge rund um den Islam handelt, Burka – all das macht mir zunächst unwillkürlich Angst. Die Neugier, die ich früher empfunden habe, ist stets überlagert mit Sorge, ob die entsprechende Person vielleicht nicht doch …? Es erfordert eine bewusste Anstrengung, sich klar zu machen, dass es normale Menschen sind, die mir da begegnen.

Für mich ist das der größte Erfolg, den die Terroristen vom 11. September erzielen konnten: Das Vertrauen und das Zutrauen zu Menschen, die anders aussehen oder ihren muslimischen Glauben aktiv ausleben, ist gestört. Immer noch. Obwohl die aller-, aller-, allermeisten dieser Menschen nichts Böses wollen, ein normales Leben führen – unwillkürlich unterscheidet man doch zwischen IHNEN und UNS.

Dagegen anzukämpfen ist anstrengend, aber wichtig, wenn wir nicht wollen, dass die Extremisten und Terroristen – egal auf welcher Seite – die Oberhand gewinnen. Denn es hört ja dort nicht auf – nach DEN MUSLIMEN kommen DIE RUSSEN, nach den Russen kommen DIE CHINESEN, und so weiter.

One World Trade Center und andere Hochhäuser, 2019

Viele Ereignisse der letzten zwanzig Jahre lassen sich auf den elften September und dessen politische und gesellschaftliche Nachwirkungen zurückverfolgen, wenn nicht als Auslöser, dann als Katalysator.

Um so wichtiger ist es, sich daran zu erinnern, dass es nicht bei den tausenden Opfern damals in New York, Shanksville und Washington geblieben ist, sondern dass es hunderttausende weiterer Opfer in Europa, dem Nahen Osten, Afghanistan und überall sonst auf der Welt in Folge von politischen und militärischen Folgen und Reaktionen gab.

Als Einzelperson kann ich sicher (noch?) nicht die großen politischen Linien beeinflussen. Aber ich kann zumindest dafür sorgen, dass das, was vor zwanzig Jahren in New York geschah und seine Ursachen ganz woanders und in viel weiterer Vergangenheit hat, nicht umsonst war.

Ich erinnere mich heute bewusst an das, was vor zwanzig Jahren geschah. Ich lasse für mich nicht zu, dass mich Hass und Terror überwältigen. Ich stelle mich meinen Ängsten, ich lasse sie mich nicht beherrschen.

Für mich ist der 11. September 2001 heute ein Datum, das mich daran erinnert, was Menschen anderen Menschen antun können, was Intoleranz, Ignoranz und Überheblichkeit anrichten können. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende Unschuldige haben in den letzten zwanzig Jahren ihr Leben nur in diesem Kontext verloren, Millionen mehr in anderen Konflikten und Krisen.

Daran erinnere ich mich heute, und das prägt meine Gedanken an 9/11.

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