Aus und vorbei für Twitter

Ich gebe es zu: Ich war ein Twitter-Fanatiker, damals, vor neun oder zehn Jahren. Ich habe es geliebt, mich mit mir unbekannten Leuten zu verbinden und mit ihnen zu kommunizieren. Ich habe es sehr gemocht, ständig so ein Grundrauschen um mich herum zu spüren. Das hat sich in den letzten Jahren aber geändert – ich habe Twitter primär nur noch für Geschäftsannouncements genutzt.

Twitter-Logo von Wikipedia

Das hätte so aber auch noch zehn Jahre weitergehen können – wenn es da nicht etwas anderes geben würde, was mich zunehmend stört und gestört hat: Die Diskussionskultur bzw. die nicht vorhandene Diskussionskultur.

Vielleicht bin ich zu alt dafür?

Ich bin so erzogen worden, dass ich mit Leuten offen rede, sie anspreche, Fragen stelle und meine Probleme oder Irritationen vorbringe. Das hat sich auch auf das Internet übertragen – die Newsgroups in den 90er Jahren und später diverse Webforen haben dies ermöglicht. Man hat miteinander diskutiert, man hat sich gestritten – aber immer mit dem Wissen, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt. Man hat Witze gemacht, man hat sich kennengelernt und vielleicht auch die eine oder andere Freundschaft geschlossen.

Das alles gilt für Twitter nicht.

Dort geht es um Lautstärke, um Gesehen-werden, um Mobilisierung von Menschen. Man haut eine kurze Nachricht raus, hängt ein paar Hashtags an und dann sind die Massen unterwegs. Shitstorms statt Diskussionen, Lautstärke statt Nachdenklichkeit, Krawall statt Zuhören. Schwarz-Weiß als Ersatz für Vielfalt.

Das hat nicht nur auf Twitter die Diskussionskultur verändert: Wir haben heute einen US-Präsidenten, der über Twitter regiert. Wir haben Shitstorms. Wir haben Influencer, die als Vorbilder agieren wollen. Wir haben TL’DR statt der Bereitschaft, uns Texte durchzulesen oder uns mit Argumenten auseinander zu setzen.

Ich will das nicht mehr

Ich habe deshalb beschlossen, mich auch von Twitter zurück zu ziehen. Ich möchte diese Art der „Diskussion“ nicht mehr führen. Ich möchte mich nicht selbst in dieser Art der Kommunikation verlieren. Das, was ich zu sagen habe, passt nicht in 140 oder 280 Zeichen, es wird meinem Ansatz, meinen Ideen und meiner Person einfach nicht gerecht.

Mein Twitter-Account ist bereits deaktiviert.

Good bye, Twitter!

Für mich fühlt sich das gut an.

Geht wählen!

Es ist nahezu neunzig Jahre her, dass 1939 der zweite Weltkrieg ausgebrochen ist. Nur sechs Jahre vorher fanden die letzten einigermaßen freien Wahlen in Deutschland statt und die Nazis begannen ihren Marsch in den völligen Untergang, der mindestens 60 Millionen Opfer forderte.

Europäische Flagge, von https://en.m.wikipedia.org/wiki/Flag_of_Europe kopiert

Am Sonntag sind Europawahlen, und damit eine Möglichkeit, seiner eigenen Stimme wirklich Gehör zu verschaffen.

Geht wählen, statt zu Hause zu bleiben oder zu hoffen, dass ihr mit sozialen Medien oder durch Nichtstun etwas ändern könnt. Letztlich zählen die abgegebenen Stimmen an der Wahlurne, und wenn Ihr wollt, dass sich etwas ändert, dann müsst ihr eure Stimme auch abgeben!

Also, geht wählen. Sorgt dafür, dass eure Stimme zählt. Überzeugt ggf. noch andere Leute von eurer Meinung, im Gespräch, nicht durch Schreien.

Geht am Sonntag wählen.